Chronik

von Erich Eder

Die erste bayerische Landesturnanstalt wurde 1828 auf dem Oberwiesenfeld errichtet. Allerorten bildeten sich Turngesellschaften, meist im Zusammenhang mit der Gründung von freiwilligen Feuerwehren und Schützenkompanien. Aber das großdeutsche und demokratische Gedankengut der Turnidee passte mancher Regierung nicht. So besagte ein Ministerialerlass vom 4. Oktober 1833: "Turnvereine haben sich gebildet, man singt Freiheitslieder, das ist sehr bedenklich, die Lehrer sollen aufpassen." Die Regierungen vermuteten hinter vielen freien Entwicklungen politische Umtriebe, und so wurden die meisten Vereine wegen "destruktiver Tendenzen" aufgelöst. Als dann gegen Ende der fünfziger Jahre die politischen Stürme verebbt waren, zeigte es sich, dass der Turngedanke nicht zum Erliegen gekommen war. Überall fanden sich turnbegeisterte Männer, die neue Vereine gründeten oder die alten wieder ins Leben riefen. So gehen die Gründungen unserer meisten Traditionsvereine zurück auf die Jahre 1860/61.

Pfarrkirchen kann sich mit Recht rühmen, einen der ältesten, wenn nicht den ältesten Turnverein Niederbayerns zu besitzen. Am 6. Oktober 1860 verfassten Pfarrkirchener Bürger ein "Gesuch um Bewilligung zur Gründung eines gymnastischen Vereins" an den Marktmagistrat: "Die gehorsamst Unterzeichneten - welche von der Notwendigkeit der Wiedereinführung der Leibesübungen überzeugt sind - haben den Entschluss gefasst, in eine Gesellschaft zusammenzutreten, deren Zweck die möglichste Beförderung des Turnens sein soll, frei von jeder politischen Tendenz. So allgemein es anerkannt ist, dass geregelte allseitige Bewegungen das vorzüglichste Mittel sind, um Gesundheit, intensive Kraft, Stärke, Gewandtheit und Schönheit zu erreichen, so fehlte es bisher doch, namentlich in kleineren Städten, an einer passenden Gelegenheit, dem Turnen genügend Rechnung zu tragen, und insbesonders auch der heranwachsenden Jugend die Möglichkeit zu gewähren, einen Teil ihrer Freiheit, unter Leitung ihrer Lehrer, nützlich zu verwenden. Dieser Mangel kann nun beseitigt werden, da der mitunterzeichnete Cameralpraktikant Frank, welcher in der kgl. Turnanstalt in München mehrere Jahre als Lehrer verwendet war, sich erboten hat, den nötigen Turnunterricht unentgeltlich zu erteilen, insbesonders auch für die Unterweisung der Schullehrer zu sorgen ... Es wird daher die gehorsamst Bitte gestellt, die ortspolizeiliche Bewilligung zur Gründung der Gesellschaft im angedeuteten Sinne gütigst erteilen zu wollen!" Unterzeichnet haben das Gesuch die Herren Dr. Hillmyer, kgl. Gerichtsarzt "vom Sanitätspunkte und als Vorschule für eine tüchtige Feuerwehr", Dr. G. Höglauer, prakt. Arzt; Fodermaier, Geometer; Ernst Frank, Praktikant; Josef Sinzinger.

Am 13. Oktober fand eine von 21 Turnfreunden besuchte Generalversammlung statt, in welcher die Grundzüge der Statuten entworfen und ein geeigneter Ausschuss gewählt wurden. Am 18. Oktober konnte bereits dem königlichen Landgericht Pfarrkirchen die neugewählte Vorstandschaft mitgeteilt werden: Vorstand: Bezirksgeometer Fodermaler; Ausschussmitglieder: Frank, Carmeralpraktikant; Josef Sinzinger, Handelsmann; Höglauer, prakt. Arzt; Johann Schwegler, Nadler. Der Verein führt den Namen "Gesellschaft für körperliche Ausbildung in Pfarrkirchen". Die Statuten wiesen einen Umfang von 20 Paragraphen auf. Dabei wurde der Turnbetrieb auf wenigstens zwei Abende in der Woche festgelegt. Bei Auflösung des Vereins sollte das Barvermögen dem Krankenhaus Pfarrkirchen zufallen.

Die ersten Jahre fand der Sommerturnbetrieb an der Schießstätte statt, der Winterturnbetrieb dagegen wurde im Saal eines Gasthauses durchgeführt. Beim jährlichen Abturnen zogen die Turner mit Musikbegleitung durch die Straßen der Stadt zum Festplatz. Im Jahre 1863 zählte der Verein bereits 49 Mitglieder und führte von da ab den offiziellen Namen "Turnverein Pfarrkirchen". Einen ersten Höhepunkt im Vereinsleben bildete der Tag der Fahnenweihe am 17. September 1865. Als Gäste waren erschienen die Turnvereine von Schärding, Neuötting, Ried und verschiedene Feuerwehren der Umgebung. Ein enges Band verknüpfte schon damals die Feuerwehren und Turnvereine. Auch die im Jahre 1865 gegründete Freiwillige Feuerwehr Pfarrkirchen geht in der Hauptsache auf die Initiative des hiesigen Turnvereines zurück, dessen Mitglieder sich zur Bildung von zwei Steigerrotten bereit erklärten. Ebenso konnte die "Internationale Privathilfe zur Unterstützung des militärischen Sanitätsdienstes" während des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 auf die freiwillige Mithilfe der stets patriotisch gesinnten Turner zählen. So beschlossen am 30. Juli 1870 die Pfarrkirchner Turner einstimmig, sich jederzeit beim Transport von verwundeten Kriegern zwischen hier und Vilshofen verwenden zu lassen. Sollte im Umkreis von 20 Stunden Entfernung eine Schlacht geschlagen werden, wollten sie möglichst beim Transport der Verwundeten mitwirken. Um die Breitenwirkung der körperlichen Ertüchtigung auf eine möglichst große Basis zu stellen, wurden bald nach der Vereinsgründung eigene Turnstunden für die Knaben durchgeführt, die sich eines regen Zulaufes erfreuten. Nur die Bereitstellung geeigneter Turnräume für die Wintermonate bereitete immer neue Sorgen. Die Säle einzelner Gasthäuser, bzw. die Faßhalle der Gaishütte, waren denkbar ungeeignet. Auch die Benutzung eines Turnsaales im Rathaus befriedigte nicht. Unter diesen Schwierigkeiten litt natürlich der Besuch der Turnstunden. Zuerst glaubte man, eine Turnhalle aus eigenen Mitteln errichten zu können. Durch Verkauf von Zigarettenspitzen aus Papier (fünf Pfennig je Stück) wollte man einen Fonds von rund 500 Mark erzielen. Aber dieser Plan von 1884 scheiterte, und erst am 24. Januar 1896 beschloss der Magistrat den Bau einer Turnhalle. 12 000 Mark wurden dafür veranschlagt. Mit der Fertigstellung und Benutzung dieser Halle durch den Turnverein seit 1. Juni 1897 war damit ein weiterer Markstein in der Geschichte dieses Vereins gesetzt, dessen Mitgliederzahl inzwischen auf etwa 100 angewachsen war.

Von der Aufgeschlossenheit der Turner für gemeinnützige Belange legte neben der bereits erwähnten Gründung der Freiwilligen Feuerwehr auch die Schaffung der freiwilligen Sanitätskolonne Zeugnis ab. Durch einen Besuch des Regierungspräsidenten angeregt, hielt am 1. August 1905 der Turnverein eine öffentliche Versammlung ab, wobei die Gründung einer freiwilligen Sanitätskolonne besprochen und dann endgültig beschlossen wurde. Unter den ersten 15 Mitgliedern dieses neuen Vereins waren fast die Hälfte aktive Turner, darunter Georg Bleistein, Rupert Ängstl und Alois Amann.

In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg hat der Turnverein das öffentliche Leben der Stadt durch viele Veranstaltungen bereichert: Das jährliche Abturnen, Faschingsbälle, Aufführen des Schäfflertanzes und Turnerfahrten in die nähere und weitere Umgebung. Den Höhepunkt bildete vom 30. Juli bis 1. August 1910 das Jubiläum anlässlich des 50-jährigen Vereinsbestehens. Zahlreiche auswärtige Vereine, auch aus dem nahen Österreich, waren dazu erschienen. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges unterbrach die Entwicklung auf Jahre hinaus. Viele Turnbrüder eilten zu den Waffen, nur notdürftig konnte der Turnbetrieb aufrechterhalten werden. Um 1918 schien er ganz zum Erliegen gekommen zu sein. Aber schon 1919 ging es mit ungebrochenem Mut weiter. Mit der Errichtung des Jahn-Denkmals in der Nordwestecke der Ringallee haben die heimgekehrten Turner ihren gefallenen Kameraden eine bleibende pietätvolle Erinnerung bewahrt.

Langsam vollzog sich nun in der Öffentlichkeit eine Umschichtung des Turngedankens. Der Sport, besonders jener, welcher die Zuschauer in großen Scharen anlockt, rückte mehr in den Vordergrund. So blieb es auch in Pfarrkirchen nicht aus, dass im März 1926 einige junge Vereinsmitglieder ein Gesuch an die Vorstandschaft stellten, um die Erlaubnis zum Fußballspielen zu erhalten. Bald darauf kam es am 8. August desselben Jahres zur Gründung der "Spielvereinigung 1926 in Pfarrkirchen", die dann ihre Verbandsspiele im Inn-Chiemgaugebiet aufnahm. Damit war in Pfarrkirchen der zweite Verein gegründet worden, der sich die körperliche Ertüchtigung seiner Mitglieder zum Ziel gesetzt hatte.

Die wirtschaftlichen Erschütterungen der dreißiger Jahre schnürten des Vereinsleben immer mehr ein, viele Mitglieder waren arbeitslos geworden. Trotzdem konnten noch durch Veranstaltungen von Bunten Abenden" dem Städtischen Hilfswerk Geldbeträge zur Linderung der größten Not überwiesen werden. Durch die Machtübernahme von 1933 musste auch der Turnverein Pfarrkirchen "gleichgeschaltet" und nach dem Führerprinzip ausgerichtet werden. Im Jahre 1935 konnte der Verein auf 75 Jahre Arbeit zurückblicken. Aus diesem Anlass fand hier das 1. Kreisturnfest des nieder bayerischen Ostmarkturnkreises statt. Aber auch diese imponierende Veranstaltung vermochte nicht die nahende Krise aufzuhalten. Am 13. März 1937 erfolgte der Rücktritt der gesamten Vorstandschaft. Da sich niemand mehr fand, die Vereinsämter zu übernehmen, kam die Vereinsarbeit zum Erliegen. Nur die Spielvereinigung vermochte ihren Spielbetrieb bis in die Kriegsjahre hinein durchzuführen.

Nach der bedingungslosen Kapitulation vom 8. Mai 1945 war Deutschland in eine seiner größten Katastrophen gestürzt. Da und dort aber regten sich bald auf allen Gebieten die Kräfte des Wiederaufbaus. Freilich mussten noch viele bewährte Männer und Frauen beiseite stehen, denn wie so oft überwucherten gerade in der Nachkriegsgeschichte der Hass, die Rache und übelstes Denunziantentum die Gerechtigkeit und das Rechtsempfinden. Verhältnismäßig bald - im Herbst 1945 - wurde die Spielvereinigung mit Genehmigung der Militärregierung wieder zugelassen. Damals mussten allmonatlich die gesamten Mitgliederbewegungen unter Nachweis der Kassenbestände in siebenfacher Ausführung in Deutsch und Englisch der Militärregierung gemeldet werden. Die Vereinsarbeit im Turnverein begann erst im Dezember 1947. Jahre hindurch war ja die Turnhalle anderweitig verwendet worden.

Das Frühjahr 1953 brachte mit dem Zusammenschluss der beiden Pfarrkirchener Sportvereine zum "Turn- und Sportverein 1860 Pfarrkirchen" die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches vieler aktiver Sportler. Die Erstellung einer modernen Rollschuhbahn mit einem Kostenaufwand von ca. 8000 Mark auf dem Gelände der Rennbahn fällt in das Jahr 1956. Ein Jahr darauf wurde nach zweijähriger Vorbereitungszeit die Stadthalle als moderne Turnhalle auf dem Grundstück des TuS errichtet. Durch die Initiative der Sportidealisten und die maßgebliche Unterstützung der Landkreise und Stadtverwaltung sind damit die Möglichkeiten für einen vielgestaltigen Turnbetrieb geschaffen. Leichtathletik und Geräteturnen, Boxen und Gewichtheben, Fußball und Faustball, Rollschuh- und Eislauf, Frauengymnastik und Versehrtensport sind heute die Sportarten, in denen beim TuS 1860 Pfarrkirchen über 300 aktive Sportler ihre körperlichen Kräfte üben und pflegen.